Multiple Sklerose – Ernährung beeinflusst den Verlauf

Multiple Sklerose – Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems

Die Prävalenz hat in den letzten Jahren, vor allem bei jungen Erwachsenen und Frauen, deutlich zugenommen. Wenn das Immunsystem überreagiert, werden gesunde Nervenzellen derart attackiert, dass sie fortlaufend absterben. Häufige Frühsymptome sind Empfindungsstörungen, Sehstörungen und Muskellähmungen. Die Erkrankung wird durch eine Kombination verschiedener Faktoren ausgelöst: Neben genetischen Faktoren beeinflussen Umweltfaktoren maßgeblich den Krankheitsverlauf.

Erfahrungswerte sowie erste Studien belegen, dass bei der Therapie von Multiple Sklerose (MS) die Ernährung eine wesentliche Rolle spielt und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Dabei rücken Ernährungsansätze wie Heilfasten oder die ketogene Diät immer mehr in den Fokus. Für MS-Patienten kann sich auch eine glutenfreie bzw. milchfreie Ernährung als wirksam erweisen.

Eine klare Ernährungsempfehlung existiert bislang nicht, was an der Heterogenität der Ernährungsinterventionen in den einzelnen Studien liegt, aber dazu führt, dass man diesen wichtigen therapeutischen Zugang oft vernachlässigt.

Multiple Sklerose & Milchkonsum: Manchen MS-Patienten geht es schlechter

Schon 1986 brachten Wissenschaftler hohen Milchkonsum in der Kindheit mit dem Auftreten von Multiple Sklerose im jungen Erwachsenenalter in Verbindung. Später stellte sich heraus, dass bestimmte Inhaltsstoffe der Milch den Strukturen des Myelins derart ähneln, dass es zu einer fehlgeleiteten Immunreaktion kommt. Das Immunsystem greift dabei nicht nur Milchbestandteile an, sondern zerstört auch Proteine, die an der Bildung des Myelins beteiligt sind. Folge sind neurologische Störungen.

Eine Veröffentlichung im Fachjournal PNAS aus dem Jahr 2022 (1) identifizierte eine Kreuzreaktivität zwischen Kasein und dem Myelin-assoziierten Glycoprotein (MAG). Die Untersuchungen führte man durchweg in Mausmodellen durch und lassen sich daher nicht uneingeschränkt auf den Menschen übertragen. Doch bei Zugabe muriner Kasein-Antikörper zu menschlichen Hirngewebe reicherten sich diese IgG-Antikörper auch an Zellen an, die für die Myelinproduktion verantwortlich sind. Die Wissenschaftler schlussfolgerten daraus, dass es einer Untergruppe von MS-Patienten gibt, bei denen es zu einem Toleranzverlust gegenüber Kasein und so zur Ausbildung von IgG-Antikörpern kommt. Bei dieser Kasein-sensitiven Patientengruppe führt der Konsum von Milchprodukten zu einer Krankheitsverschlimmerung und aufgrund der Kreuzreaktivität zu einer Zerstörung der Myelinschicht um die Nervenfasern.

Berichte von MS-Patienten bestätigen diesen Zusammenhang: Ihre Symptome verschlechtern sich deutlich, nachdem sie Milch, Quark oder Joghurt verzehrt hatten. Gefährdet sind demnach Betroffene, die entsprechende Antikörper gegen Kasein vom Typ IgG in sich tragen. Identifizieren kann man sie relativ einfach über die Anforderung des VictuPlus „Milchersatzprodukte“. Im positiven Fall könnten diese Patienten davon profitieren, Milchprodukte aus ihrer Ernährung zu streichen.

Multiple Sklerose & Weizenproteine – ATI mit entzündungsfördernden Eigenschaften

Lange ist bekannt, dass bestimmte Weizenproteine entzündliche Reaktionen hervorrufen können. Paradebeispiel hierfür ist die Zöliakie, bei der es sich um eine entzündliche Reaktion des Dünndarms auf Gluten handelt. Mittlerweile konnte man ein weiteres Weizenprotein mit entzündungsfördernden Eigenschaften identifizieren. Dabei handelt es sich um die Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs. ATIs sind natürliche Proteine, die in Weizen, Gerste und Roggen vorkommen. Sie sind verdauungsresistent und verursachen unterschwellige Entzündungsreaktionen im Darm (Silent Inflammation). Sie spielen allerdings nicht nur bei der Zöliakie eine Rolle. Im Tiermodell sowie in einer klinischen Pilotstudie zeigte eine Arbeitsgruppe aus Mainz (2), dass sie die Schwere von Multiple Sklerose fördern.

Die These dahinter: ATI-aktivierte Entzündungszellen und proinflammatorische Botenstoffe verlassen den Darm über den Blutstrom und gelangen so ins Gehirn, wo sie die Entzündung triggern. Unbestritten sind die Assoziationen zwischen Zöliakie und zerebellärer Ataxie (Glutenataxie) sowie sensibler symmetrischer Polyneuropathie (Glutenneutropathie). ATIs lassen sich derzeit nicht nachweisen. Bei Zöliakie-Patienten kann man Antikörper gegen die Transglutaminase 6 (TG6) im Serum bestimmen. Inwieweit sie s für die neurologischen Beeinträchtigungen im Rahmen einer Zöliakie verantwortlich sind, muss noch in weiteren Studien gezeigt werden.

Bei Patienten mit primär oder sekundär progredienter Multipler Sklerose (PPMS, SPMS) findet man TG6-Antikörper im Liquor (3) und empfehlen sich als Liquor-Biomarker für die Vorhersage und Überwachung der Krankheitsaktivität bei Patienten mit progressiver Multipler Sklerose.

Auch wenn hier noch mehr Forschung nötig ist und Fragen offen bleiben, zeigt sich, dass MS-Patienten signifikant weniger Schmerzen, aber auch weniger Entzündungszellen in ihrem Blut unter weizenfreier Diät aufweisen als Patienten ohne Ernährungseinschränkungen.

Das belegt den Stellenwert einer glutenfreien Ernährung: Eine weizenfreie Ernährung kann die Schwere von MS sowie anderer entzündlicher Erkrankungen mildern.

Quellen:

(1) Rittika Chunder, et al.: Antibody cross-reactivity between casein and myelin-associated glycoprotein results in central nervous system demyelination, PubMed 2022

(2) S. Engel, et al.: Attenuation of immune activation in patients with multiple sclerosis on a wheat-reduced diet: a pilot crossover trial, PubMed 2023

(3) Massimiliano Cristofanilli et al.: Transglutaminase-6 is an autoantigen in progressive multiple sclerosis and is upregulated in reactive astrocytes, Pub Med 2017

Verena Bastian

Verena Bastian

Verena Bastian ist staatliche geprüfte Heilpraktikerin seit 2014. Davor studierte Sie Betriebswirtschaftslehre und arbeitete danach mehrere Jahre in der Finanzabteilung eines großen Baustoffkonzerns. Durch eine Autoimmunerkrankung im Familienkreis kam sie 2008 zur Naturheilkunde und ist seit 2014 als Heilpraktikerin in eigener Praxis tätig. Ihre Praxisschwerpunkte sind die Diagnostik und Therapie von immunologischen Erkrankungen, Frauenheilkunde, Präventionsmedizin und Traumaintegration.

Eine intensive Ausbildungszeit und der ständige Drang nach Weiterbildung haben ihren Weg bis hierhin begleitet. Viele Seminare, Weiterbildungen und wundervolle Lehrer:innen ebneten den Weg für eine eigene Praxis.

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