Kindheitstrauma – Körperliche Aktivität kann Folgen abmildern

Regelmäßige Bewegung könnte dazu beitragen, die langfristigen Auswirkungen belastender Kindheitserfahrungen auf das Gehirn abzuschwächen. Forschende des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit zeigen, dass körperliche Aktivität mit einer günstigeren Vernetzung stressrelevanter Hirnregionen verbunden ist. Die Ergebnisse der Studie liefern neue Hinweise darauf, dass die neurobiologischen Folgen früher Belastungen veränderbar bleiben und Faktoren wie körperliche Aktivität mit größerer psychischer Widerstandskraft verbunden sein könnten.

Belastende Erfahrungen in der Kindheit können die Entwicklung des Gehirns beeinflussen und das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch: Diese Veränderungen sind nicht unbedingt dauerhaft festgelegt. Eine aktuelle Studie weist darauf hin, dass das Gehirn anpassungsfähig bleibt und dass körperliche Aktivität dabei eine wichtige Rolle spielen kann.

Bewegung stärkt die Vernetzung im Gehirn

Die Forschenden des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim untersuchten 75 Erwachsene, die in ihrer Kindheit belastende Erfahrungen gemacht hatten. Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) analysierten sie das Zusammenspiel wichtiger Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Stress und Emotionen beteiligt sind, darunter Amygdala, Hippocampus und der vordere cinguläre Kortex.

Das Ergebnis: Belastende Erfahrungen in der Kindheit waren bei geringer körperlicher Aktivität mit einer schlechteren Vernetzung dieser Hirnregionen verbunden, während stärkere körperliche Aktivität mit einer engeren Vernetzung verknüpft war, was ein Wechselwirkungsmuster erkennen lässt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich der Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und der funktionellen Vernetzung bestimmter Hirnregionen abhängig vom Ausmaß körperlicher Aktivität unterscheidet.

Kein „festgelegtes“ Trauma im Gehirn

„Wir wollten die Vorstellung hinterfragen, dass belastende Erfahrungen das Gehirn dauerhaft prägen“, erklärt Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am ZI. Die Ergebnisse legen nahe, dass frühe Belastungen zwar Risiken erhöhen können, aber nicht zwangsläufig den weiteren Lebensverlauf bestimmen.

Wie viel Bewegung ist sinnvoll?

Besonders positive Zusammenhänge zeigten sich bei Personen, die sich im Rahmen der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation bewegten – also etwa 150 bis 300 Minuten pro Woche körperlich aktiv waren. Die Forschenden vermuten daher, dass es ein günstiges Maß an Bewegung geben könnte, das die Anpassungsfähigkeit des Gehirns unterstützt.

Neue Einblicke in die Gehirnforschung

Die Studie deutet außerdem darauf hin, dass das Kleinhirn nicht nur für Bewegungsabläufe wichtig ist, sondern möglicherweise auch eine bedeutende Rolle bei emotionalen Prozessen und der Stressverarbeitung spielt.

„Wir sind davon ausgegangen, dass Bewegung die Auswirkungen von Belastungen auf das Gehirn eher abschwächt. Überraschend war jedoch, wie eindeutig sich der Zusammenhang je nach Bewegungsniveau verändert hat und dass dabei auch Hirnbereiche beteiligt sind, die man bisher vor allem mit Bewegung in Verbindung gebracht hat. Dazu gehört das Kleinhirn, das offenbar auch eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen und Stress spielt“, sagt Prof. Dr. Gabriele Ende, Leiterin der Core Facility ZIPP am ZI.

Bedeutung für Prävention und Behandlung

Angesichts der weltweit zunehmenden Belastungen durch traumatische Erfahrungen, etwa durch Krieg oder Flucht, sind leicht zugängliche und wirksame Ansätze zur Stärkung der psychischen Gesundheit besonders wichtig. Körperliche Aktivität gilt dabei als vielversprechender Ansatz. Sie ist alltagsnah, kostengünstig und kann gezielt in Prävention und Behandlung integriert werden.

In den nächsten Forschungsschritten wird untersucht, wie diese Erkenntnisse in die patientenorientierte Versorgungspraxis umgesetzt werden können.

Körperliche Aktivität kann ein wichtiger Einflussfaktor sein

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass belastende Erfahrungen in der Kindheit  das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen können, aber nicht den weiteren Lebensweg bestimmen müssen. Regelmäßige Bewegung kann beeinflussen, wie sich diese Erfahrungen im Gehirn widerspiegeln und dass Resilienz im Laufe des Lebens gestärkt werden kann, so die Forschenden.

Originalpublikation

Zehirlioglu L, Nkrumah R, Demirakca T et al. Physical Activity Moderates the Neural Effects of Childhood Adversity on Resting State Functional Connectivity, Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging (2026), doi: https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2026.01.006.

Quelle: Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI)

Bild von Verena Bastian

Verena Bastian

Verena Bastian ist staatliche geprüfte Heilpraktikerin seit 2014. Davor studierte Sie Betriebswirtschaftslehre und arbeitete danach mehrere Jahre in der Finanzabteilung eines großen Baustoffkonzerns. Durch eine Autoimmunerkrankung im Familienkreis kam sie 2008 zur Naturheilkunde und ist seit 2014 als Heilpraktikerin in eigener Praxis tätig. Ihre Praxisschwerpunkte sind die Diagnostik und Therapie von immunologischen Erkrankungen, Frauenheilkunde, Präventionsmedizin und Traumaintegration.

Eine intensive Ausbildungszeit und der ständige Drang nach Weiterbildung haben ihren Weg bis hierhin begleitet. Viele Seminare, Weiterbildungen und wundervolle Lehrer:innen ebneten den Weg für eine eigene Praxis.

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